Pfarrscheune - Gemeindehaus - KiZ

Spiegel des Wandels einer ländlichen Kirchengemeinde

(zurück) In den Tagen nach Ostern 2019 wurde das alte Gemeindehaus abgerissen, um Platz für das neue Gemeindezentrum (KiZ) zu schaffen. Die 150-jährige Geschichte dieses historischen Gebäudes, das ursprünglich als Pfarrscheune diente, erzählt auch vom Wandel einer ländlichen Kirchengemeinde in den letzten 150 Jahren:

6. Mai 1863:

Uetze liegt zwei Wochen nach dem großen Brand am 21. April in Schutt und Asche. Auch die 26 Jahre alte Kirche und die umliegenden kirchlichen Gebäude sind niedergebrannt. Um einen schnellen Wiederaufbau zu ermöglichen, beauftragt der Kirchenvorstand einen der berühmtesten Kirchenarchitekten des 19. Jahrhunderts mit dieser Aufgabe: den Konsistorialbaumeister Conrad Wilhelm Hase. Um die Kirche herum sind vier weitere kirchliche Gebäude neu zu errichten: Das Küsterhaus, das Schulgebäude nördlich der Kirche, das 1966 dem neuen Postgebäude in der Kaiserstraße weichen musste sowie das Pfarrhaus mit der zugehörigen Pfarrscheune.

Wirtschaftsgebäude gehören in dieser Zeit noch zu jedem größeren ländlichen Pfarrhaus. Der Lebensunterhalt der Pastorenfamilien, aber auch der Küster, Kantoren und Pfarrwitwen, wird in den ländlichen Kirchengemeinden auch Mitte des 19. Jahrhunderts noch fast ausschließlich durch das Pfründevermögen der Kirche sichergestellt. Hierzu sind Getreide- und Brennholzspeicher, Scheunen für Pferdegespanne sowie Viehställe erforderlich.

1910/11:

Nach der Einführung der Kirchensteuer in Preußen am 22.3.1906 wird das Pfründesystem auch in ländlichen Gemeinden endgültig durch ein festes Pastorengehalt abgelöst, eine große Pfarrscheune wird nicht mehr benötigt. Im Westflügel des Gebäudes entstehen für 3032,50 Mark aus den Einnahmen des aufgelösten Pfarrwitwentums zwei Gemeindesäle, die durch eine Faltwand getrennt sind und so auch für größere Veranstaltungen genutzt werden können. Der Ostflügel bleibt als Wirtschaftstrakt mit Lagerräumen und Waschküche erhalten. Das große Scheunentor wird zugemauert, für den Leichenwagen wird zwischen Pfarrhaus und Gemeindesaal ein Anbau errichtet.

1969/70:

Die Gemeindegliederzahl hat sich nach dem 2. Weltkrieg von 2662 im Jahr 1910 auf über 5000 fast verdoppelt. Jährlich müssen annähernd 100 Konfirmanden im Gemeindesaal unterrichtet werden, eine zweite Pfarrstelle wird erst 1972 eingerichtet. Die 60 Jahre alten Gemeindesäle sind daher für viele Veranstaltungen zu klein geworden und nur schwer zu beheizen. Der verbliebene Scheunentrakt im Ostflügel muss einem vergrößerten Gemeindesaal mit Ölheizung weichen - in einer Zeit, als Öl nur wenige Pfennige kostet und der Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen und Klimawandel noch unbekannt ist. Die Trockentoilette im alten Scheunentrakt wird durch WC-Räume im alten Garagenanbau ersetzt, daneben entsteht ein Ölspeicher.

April 2019:

Drohende Erhaltungskosten, explodierende Bewirtschaftungskosten, sinkende Gemeindegliederzahlen sowie die Forderung der Landeskirche zur deutlichen Reduzierung der Raumflächen besiegeln den Abriss des 150 Jahre alten Gebäudes, der einen Tag nach Ostern, am 23. April beginnt. Es soll durch das neue Gemeindezentrum (KiZ) ersetzt werden, um langfristig Kosten zu sparen.